Was sind die ersten Schritte für jemanden der sich dem Islam nahe fühlt und an das Konventieren denkt? Wie kann ein Muslim in diesem Fall unterstützen?

Antwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

grundsätzlich wird das Licht des Glaubens immer von Allah ins Herz gepflanzt. Wir Menschen können diese Prozesse nicht steuern. Wir haben lediglich die Pflicht, den Menschen, der zu uns kommt, nach bestem Wissen und Gewissen zu behandeln. In diesem Sinne stellt sich also eher die Frage nach dem richtigen Umgang mit einem solchen Menschen und nicht die Frage, wie man ihn zur Bekehrung bringen kann, denn dieses Ergebnis liegt immer im Ermessen Allahs. Folgend sollen ein paar prinzipielle Aspekte thematisiert werden.

Wichtig erscheinen hier zwei Dinge, die wir spenden können; Wissen und Nähe 

Wissen: Der suchende Mensch schaut sich um und erwartet Antworten auf seine Fragen. Die wichtigsten Fragen die zuerst kommen sind immer Fragen nach der Schöpfung und nach dem Sinn aller Dinge. Das ist das Fundament auf dem das Gebäude steht. Dafür haben wir einen Text: https://fragenandenislam.com/article/basics-fur-nichtmuslime-was-muss-man-vermitteln-0

Zum Wissen gehört auch zu verstehen, wie man sich eigentlich mäßigt und die vorhandenen Wissensquellen nutzt. Dazu gehören zweifelsfrei Koran und Sunna. Aber der Mensch verfügt auch über Herz und Verstand, sowie über Wissensquellen in Form von weiteren Büchern und Meinungen. Nicht zuletzt hat der Mensch auch seine eigenen Erfahrungswerte und Lehren, die er aus alledem für sein bisheriges Leben gezogen hat. All dies muss nun in Einklang gebracht werden. 

Imam Ghazali schrieb genau hierzu ein Werk mit dem Namen "al-iktisad fi'l İtikad", "Der mittlere Weg (Mäßigkeit) im Glauben". Heute zeichnet sich die Notwendigkeit solcher Werke dadurch ab, dass viele (Gelehrte, Akademiker) die eigentlich in der Lage sind über den Islam reichlich Wissen zu haben ebenso in den Grundfragen des Glaubens wackeln bzw. zerstreut handeln.

Der mittlere, besonnene Weg im Glauben sollte sich in erster Linie nach den heiligen Worten Gottes und den Überlieferungen seiner Gesandten richten. Im Islam richtet es sich erstens nach den Grundlagen und Vorgaben Allahs, welche im Koran verkündet wurden. Die Auslegung und die Praktizierung (Sunna) dessen wurde durch den Propheten Mohammed (s.a.s.) an die Muslime mit Worten erklärt, in Taten umgesetzt und/oder mit Handlungen und Haltungen vorgelebt.

Nach dem Tod des Propheten Muhammad (s.a.s.) und mit der Zeit traten neue Ereignisse in der Lebenswelt der Muslime auf. Hierzu wurden zwei weitere Beweisführungen zur Ausübung des Glaubens, die Analogie (Vergleich) und Ijma (Konsens) eingeführt. Die Erneuerung der Zeit und die Differenzierung der Ereignisse machten dies notwendig. Ist ein Dekret eindeutig im Koran vorhanden wird dies in der Tat entsprechend ausgeführt. Wird es nicht eindeutig im Koran erwähnt, so wird auf die Sunna verwiesen. Wenn sie dort nicht gefunden werden, werden Analogie und Ijma angewendet.

Um den mittleren, besonnenen Weg im Glauben zu gehen sollte ein Gläubiger sein Glaubensbekenntnis, welches eine verfestigte, tiefe „Herzensangelegenheit“ und ein starker Gewissenszustand ist, nicht nach eigenem Ermessen und Verständnis bewerten, sondern mit soliden Beweisen untermauern und ablegen.

Man sollte Mäßigkeit eher als eine Sache der Haltung und als Sensibilität betrachten, vielleicht ist es auch eine Leitfrage für das Leben. Der mittlere Weg bedeutet daher auch nicht, dass man niemals Fehltritte macht. Wer aber in der Mitte eines Raumes steht, hat einen guten Blick in alle Richtungen. Wer aber nur auf einer Seite der Waage steht und schlimmer noch, das Recht nur bei sich sieht, der läuft Gefahr nur einen Bruchteil der Wahrheit sehen zu können. Außerdem verleitet ein parteiisches Denken jemanden dazu, Andersdenkende pauschal als Feinde zu betrachten, selbst wenn sie Recht haben und im Umkehrschluss Leute als Freunde zu sehen, nur weil sie einem Recht geben obwohl man falsch liegt. Daher sollte Mäßigkeit für uns immer die Erinnerung sein, zu fragen; Was würde mein Schöpfer von mir erwarten? Gibt es eine andere Sichtweise auf dieses Thema? Habe ich zu vorschnell geurteilt?

Nähe: Der suchende Mensch kann sich schnell verirren in der Vielfalt an Möglichkeiten. Wir fahren in ungewisse Reiseziele auch nur mit Navigationsgeräten. Wenn man den Weg nicht kennt, wird man kaum ankommen. Für diesen Kontext bedeutet das, dass der Mensch bei so einer wichtigen Entscheidung oder Prozess auch Stabilität braucht und jemanden an der Seite, der aufbaut und auffängt. Gerade nach der Konversion aber auch vorher ist es wichtig, den Menschen das Gefühl von Familie und Gemeinde zu vermitteln und ihn nicht alleine zu lassen. Denn in dieser unsicheren Phase, wird der Teufel besonders aktiv werden. Zwar kennt nur Gott die gesamte Wahrheit und die Zukunft und am Ende trägt jeder die Verantwortung für sein Handeln selbst, daher kann man nicht alles haargenau "planen" oder "berechnen", aber als Gläubige sind wir dazu verpflichtet unsere Vorkehrungen zu treffen und alle Wege die zum Schlechten führen möglichst von Anfang an zu verriegeln. Daher ist es für uns äußerst wichtig, sich gar nicht erst der Sünde zu nähern. Denn jede Sünde könnte den Anfang eines Weges bilden, der im Unglauben endet. Unter diesem Aspekt ist die Gemeinde und die Bruderschaft im Glauben wie ein Bollwerk und wirkt schützend. 

Der ehrenwerte Prophet Muḥammad legte einen großen Wert auf die Erziehung und die Bildung. Wir finden eine Vielzahl an Überlieferungen des Propheten (s.a.s.) in denen zur Bildung und zum lernen ermuntert wird. Die Erziehung der Gesellschaft zu einer gottesfürchtigen, intelligenten und ausgebildeten Gesellschaft gehört also zu den Pflichten des Propheten (s.a.s.) als Gesandter Gottes. So hat er das Lesen, Niederschreiben und Verteilen der Verse des Qurʾāns zu pflegen gewusst.  Es gab diverse "Zentren" an denen es üblich war zu studieren und sich fortzubilden. Der Prophet (s.a.s.) hat hier persönlich gelehrt und auch Lehrer auserkoren, die diese Aufgabe verrichten. Die Gefährten ʿUbāda ibn Muāssamāʾ und Zayd ibn Ṯābit sind hier exemplarisch zu nennen. Solche Zentren wurden auch von vielen Schülern besucht, so wuchs eine gut ausgebildete islamische Gesellschaft heran. Bei der Bildung gab es auch keine Trennung der Geschlechter, Frauen wurde also hierbei nicht vernachlässigt. Frauen wurden an ihnen eingeteilten Tagen ebenso belehrt und in dieser Hinsicht beachtet. Ummu Sulayman ibn Ḫayṯama sowie die Gattinen des Propheten (s.a.s.) Ḥafṣa und Āʾiša waren neben anderen weiblichen Lehrern hierfür zuständig. Auch aus sozialer Perspektive gab es keine Trennung, es gab also eine "Chancengleichheit" unter der Lehre des Propheten (s.a.s.) insofern, dass man nicht zwischen Sklaven oder freien Menschen oder ähnliches unterschieden hat.

Wir dürfen nicht den Fehler machen, den Menschen zu überfordern. Mit der Konversion startet das islamische Leben des Menschen. Es wäre doch völlig unrealistisch zu erwarten, dass jemand direkt alle Traditionen, Pflichten und Sonstiges in der Religion, quasi auf einen Schlag kennt. Als Muslime dürfen wir nicht außer Acht lassen, dass viele von uns vielleicht von Kindheit an schon diese Dinge lernen. Und der konvertierende Mensch fängt praktisch bei Null an. Daher muss man also mit Geduld den Menschen zur Seite stehen und nach Aufnahmekapazität und Tempo mit dem Menschen arbeiten und ihn nicht zur Scham bringen, indem man auf falsches Verhalten aufmerksam macht. Das sind möglicherweise über viele Jahre erlernte Automatismen und Reflexe, die nicht von heute auf morgen verändert werden. Der ehrenwerte Gesandte Gottes (s.a.s) ist der vorbildlichste Mensch und sein gesamtes Leben ist ein rechtleitendes Verzeichnis für uns. So entnehmen wir unsere Lektionen bezüglich des familiären Lebens auch aus seinem Vorbild. So wird allgemein überliefert, dass der Prophet (s.a.s.) insbesondere gegenüber den Kindern sehr liebevoll und zuvorkommend war, er wendet sich bei jeder Gelegenheit den Kindern liebevoll und mit Barmherzigkeit zu. Dabei hört er ihnen zu, fragt nach ihrem Befinden und spielt mit ihnen.

Es ist möglich, dass der suchende Mensch - auch durch die Einflüsterungen des Teufels - sich nun schuldig fühlt für sein vergangenes Leben und insbesondere nach der Konversion eine Art Scham und Schuld für vergangene Sünden und Lebensweisen verspürt. Auch hier ist die Gemeinde gefragt, die stets aufbauend einwirkt und die unendliche Barmherzigkeit Allahs in den Vordergrund zieht. Wie Imam Ghazali auch sagte, wird eine Buße deren Bedingungen (1. Aufrichtigkeit, 2. Schadensersatz wenn gegeben) erfüllt ist definitiv von Allah akzeptiert. Eine akzeptierte Buße bedeutet die Vergebung der Sünden. Manchmal verfallen die Menschen in solch extreme Selbstzweifel und hegen große Ängste gegenüber den Gedanken, die sie selbst produzieren. Ein Gedanke der definitiv falsch ist, ist es zu denken, dass man solch große Sünden begangen hat, die selbst Allah nicht vergeben kann. Es ist dem Muslim nämlich verboten, gegenüber der unendlichen Barmherzigkeit Allahs Zweifel zu hegen. Das ist eine Einflüsterung des Teufels. Es ist des Teufels größte Freude zu sehen, wie Menschen in Missmut und Verzweiflung verfallen, denn das ist der Sog, der einen in den tiefen Abgrund des Unglaubens stürzen kann. Prinzipiell steht jedem Menschen die Tür zur Buße und zur spiritueller Neufindung offen. Einige der größten Persönlichkeiten im Islam und wichtige Prophetengefährten haben vor dem Islam in Sünde und Barbarei gelebt. Ihre Herzen wurden aber mit dem Islam beehrt und sie haben mit großem Eifer nach dem Wohlwollen Gottes gelebt. Ihre früheren Fehltritte gehörten von nun an der Vergangenheit an, da sie fortwährend ein Leben in Gerechtigkeit und Anstand lebten. Dies soll auch uns ein Beispiel sein. Statt also dem Teufel eine Freude zu bereiten, indem wir in Missmut und Depression verfallen, sollten wir die Barmherzigkeit Gottes aufsuchen und aktiv Buße tun.

Für eine gesunde und dauerhafte zwischenmenschliche Beziehung ist eine offene und ehrliche Kommunikation einer der wichtigsten Grundbedingungen. Menschen müssen in der Lage sein, sich über Informationen, Gefühle, Ansichten und Gedanken zu verständigen, ohne sich zu zieren, im vertraulichem Umgang mit dem Gesprächspartner und sich selbst umgehend sprechen zu können und dem Zuhörer vertrauen zu können. Eine sehr wichtige Ursache für Probleme im gesellschaftlichem Leben und im Arbeitsleben ist der Mangel an offener und ehrlicher Kommunikation, bedingt durch den Mangel an Vertrauen. Auf Menschen die die Wahrheit aussprechen reagiert man oftmals unangenehm und agressiv, wodurch sie bereuen etwas gesagt zu haben oder noch weiteres zu sagen. Durch die Sorgen hiervor, meiden Menschen dann eine offene und ehrliche Kommunikation und zieren sich, das Wahre auszusprechen.  Zweifelsohne gibt es verschiedene Formen, Arten und Maße der Kritik, die verschieden wirken. Eine destruktive also verletzende Kritik die auf die Eigenarten einer Person abzielt, sie in Gegenwart anderer verletzt, sie plötzlich vor anderen zum Erstarren bringt, sie ihrer Hoffnungen, Motivation und Eifer beraubt und erschöpft, ist im Grunde genommen eine Art böswilliger Angriff.  Eine Kritik mit der Absicht zu verletzen, zu zerstören und zu erschöpfen, wandelt sich zu einem aggressivem Verhalten und startet mutmaßlich Streitigkeiten, die sich immer weiter hochschaukeln. Das Verständnis von einer zwischenmenschlichen Beziehung, die Raum für solch eine Kommunikation ermöglicht, hängt mit einer gesunden Diskussionskultur zusammen. Genau das brauchen auch Menschen, die kurz vor einer Konversion stehen, damit sie in einem geschützten Raum ihre Fragen loswerden können, aber auch auf Irrtümer aufmerksam gemacht werden können.

Zuletzt muss gesagt werden, dass die Konversion für viele auch eine Art Neustart ist und dementsprechend verspüren viele den Impuls auch ihre Biographie anzupassen mit einem neuen Namen. Grundsätzlich gibt es Hinweise in der Religion, einen sinnvollen Namen zu verleihen, der eine schöne Bedeutung trägt und im Umkehrschluss, sollte man keine Namen vergeben, die bedeutungsfrei sind oder eher eine negative Konnotation haben. Der Name wirkt auf den Menschen. Ein Konvertit muss aber den Namen nicht zwingend ändern. Davon ausgehend ist es wichtig, dass ein Muslim seinen Namen ändert, sofern dieser Name in dem geschildertem Sinne unpassend ist. Dies muss allerdings nicht sofort geschehen. Wenn so eine Änderung einen großen Umbruch für die Person darstellt und die Situation somit eine Schwierigkeit oder einen Druck auslöst, kann dieser Schritt auch zu einem späteren Zeitpunkt bzw. zu einem passender erscheinenden Moment unternommen werden. Es wäre unfair der Person gegenüber, wenn man von ihr erwartet, sie soll alle Gebote und Verbote sofort und perfekt verrichten bzw. einhalten. Wenn diese Entwicklung gemäß der eigenen Kapazitäten kontinuierlich Schritt für Schritt verfolgt wird, geht sie viel eher und harmonischer in Fleisch und Blut ein.

Fragen an den islam

Verfasser:
Fragen an den islam
Aufrufe 8
In order to make a comment, please login or register