Wie steht der Islam zum Muttertag/Vatertag

Details der Frage

Wenn die Eltern wichtig sind, müsste man nicht rein theoretisch jeden Tag Muttertag und Vatertag haben?

Antwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

es ist aus religiöser Sicht unbedenklich, den Mutter- oder Vatertag zu feiern. Da dies sogar dazu beiträgt, die Nähe und Liebe zwischen Eltern und Kindern zu stärken, kann man an einem solchen Tag sogar gute Taten ansammeln. Es ist ein Anlass, Liebe zu zeigen. Eltern sollten stets die gebührende Wertschätzung und Ehrerbietung entgegengebracht werden.

Hier ist die Absicht zentral, denn wenn man an einem Feiertag mitmacht um anderen ähnlich zu sein, reden wir über eine Absicht, die die Meinung anderer priorisiert. Aber die Priorität sollte stets auf das Wohlwollen Allahs ausgerichtet sein. Unsere Handlungen sollten immer um diese Absicht herum kreisen, im Islam nennen bezeichnen wir dies mit dem Wort "Ikhlas" (wahrhaftig/pur sein in der Absicht). Insbesondere bei Bräuchen und Traditionen von anderen Völkern spielt dies eine wichtige Rolle. 

Wer sich einer jeglichen Gruppe angleicht, gehört zu dieser Gruppe. (Ebu Davud, Libas 4; Müsned V/50)

Den einzigen Tag im Jahr zum Muttertag oder Vatertag zu erklären, ist vielleicht ein fremder Brauch. Aber es ist auch kein fremder Brauch, der gänzlich im Widerspruch zum Islam steht. Vielleicht ist es ein unvollständiger Brauch. Denn der Islam erklärt nicht nur einen einzigen Tag im Jahr, sondern vielleicht alle Tage des Lebens zum Muttertag und Vatertag. Insofern dürfte es nicht falsch sein, alles, was von außen kommt, nicht sofort mit der Begründung abzulehnen, dass es aus dem Ausland stammt, sondern zu prüfen, ob es mit dem Islam vereinbar ist, und es anzunehmen, wenn es vereinbar ist, oder es anzupassen und zu verbessern, wenn es nicht vereinbar ist. Das sind also die entscheidenden Kriterien bei der Bewertung solcher Tage.

Wenn zum Beispiel am Mutter- und Vatertag die Hände von Müttern, Vätern, Großmüttern, Großvätern, Tanten, Cousinen, Onkeln und Tanten geküsst werden und die Herzen der Älteren durch kleine Aufmerksamkeiten erfreut werden;.. wenn an Geburtstagen dafür gesorgt wird, dass Kinder sich über eine Geburtstagsfeier freuen und mit ihren Freunden glücklich sind, wenn sich die Ehepartner am Hochzeitstag an die Vergangenheit erinnern und die Gelegenheit finden, ihre Liebe und ihren Respekt zueinander zu erneuern, wenn Nachbarn bei solchen Anlässen zusammenkommen und sich näherkommen... warum sollte man dann das Gefühl haben, dies sofort ablehnen zu müssen, indem man sagt, dass dies etwas Fremdes sei oder von Nichtmuslimen praktiziert wird?

Das islamische Leben ist nicht freudlos, trostlos und ohne Vergnügen. Unter der Voraussetzung, dass man keine Grenzen überschreitet, nicht übertreibt und sich nicht in Verschwendung und Verbotenes begibt, wird es im islamischen Leben selbstverständlich auch Freude, Vergnügen und fröhliche Zusammenkünfte geben. Tatsächlich feiern wir seit Jahren den Geburtstag (Maulid) unseres Propheten (Friede sei mit ihm). Zu diesem Anlass veranstalten wir Zusammenkünfte und tun Gutes. Niemand behauptet, dass es im Islam keine Geburtstagsfeiern gibt. Denn sie dienen nicht dem Verbotenen, sondern dem Guten; es werden keine Sünden begangen, sondern gute Taten vollbracht...

Hier muss immer unterschieden werden zwischen dem, was die Religion (Sharia) grundsätzlich und unmissverständlich für alle regelt und was das Individuum freiwillig für sich und seine eigene Glaubenspraxis als ideal ansieht (Taqwah). Jemand kann für sich sagen, "Ich möchte nicht teilnehmen, das ist nichts für mich" und dies mit religiösen Empfindungen begründen. Das ist aber eine individuelle Entscheidung. Es ist aber wiederrum anders wenn jemand sagt "diese Sache ist verboten, im Islam gibt es das nicht". Dafür braucht es dann überzeugende Belege, weil man mit so einer Aussage die Gebote und Verbote im Islam deklariert und diese werden nicht leichtfertig und vor allem nicht von Menschen selbst ausgesucht. Mit anderen Worten; der Gesetzgeber, also Allah allein entscheidet ob etwas haram ist und die dafür ausgebildeten Menschen, legen das Gesetz aus. Das nenen wir dann islamische Jurisprudenz also "fiqh" (Rechtswissenschaft) bzw. "usul al-fiqh" (Quellen/Methodologie der Rechtswissenschaft). 

So wie es falsch ist, alles, was von Fremden kommt, sofort anzunehmen, so ist es auch falsch, sich sofort dagegen zu stellen. Das Richtige ist, es zunächst zu prüfen, das Nützliche anzunehmen und sich dem Schädlichen zu widersetzen... Das ist die vernünftige Lehre, die uns der Islam vermittelt. In dieser Hinsicht leuchtet uns eine außerordentlich wertvolle und zum Nachdenken anregende, großartige Erinnerung unseres Propheten (Friede sei mit ihm) als Wegweiser vor:

Temimdari, einer der führenden Gefährten, hatte eine Öllampe mitgebracht, die mit dem von den Christen in Damaskus verwendeten Olivenöl brannte, und sie an der Decke der Moschee des Gesandten Allahs aufgehängt. Diejenigen, die dies sahen, beschwerten sich mit den Worten;

„Hängst du etwa etwas an die Moschee des Gesandten Allahs, das die Christen in ihrer Kirche verwenden?“

Die Muslime kannten damals keine Öllampen, um die Moschee zu beleuchten. Sie beleuchteten die Moschee mit brennenden Dattelblättern. Als unser Herr (Friede sei mit Ihm) beim Abendgebet in die Moschee kam und sah, wie der brennende Docht in einer Schale die Umgebung ohne Asche und Rauch erhellte, fragte er lächelnd:

– Wer hat das in unsere Moschee gebracht?

– „Temimdari hat sie von den Christen in Damaskus mitgebracht“, sagten sie. Während alle eine Zurechtweisung erwarteten, lautete sein einzigartiges Lob wie folgt:

– „Temimdari! Du hast unsere Moschee erhellt, möge Allah auch dein Grab erhellen.“

Er machte noch eine eindrucksvollere Erklärung:

- Etwas Nützliches ist wie ein Gegenstand, den ein Muslim aus seiner Tasche fallen lässt. Wo auch immer und bei wem auch immer man es findet, nimmt man es sofort an sich. Hauptsache, es ist nützlich und enthält nichts Verbotenes oder Sündhaftes... (vgl. İbn Hacer, el-İsabe, II/18)

Angesichts eines so nützlichen Beispiels für eine Laterne, das vom Christentum übernommen wurde, stellt sich gar nicht erst die Frage: „Soll man Bräuche aus fremden Kulturen übernehmen oder nicht?“ Allenfalls wird geprüft, ob diese Bräuche aus fremden Kulturen nützlich sind oder nicht. Sind sie nützlich, nimmt man sie an wie etwas, das einem selbst gehört und das man aus der Tasche fallen ließ; sind sie schädlich, lehnt man sie ab und hält sich von ihnen fern. Dies zeigt auch eindrucksvoll, wie sich die islamsiche Zivilisation entwickelt und stets die Vollkommenheit in allen Bereichen des Lebens anstrebt, indem zentrale Werte und Prinzipien mit der sich wandelnden Welt stets nach neuen Maßstäben bewertet und bei Bedarf oder Anlass optimiert werden. So stehen auch die Wahrheiten im Koran niemals in Konkurrenz mit dem Zeitgeist. Allenfalls offenbaren sich die zeitlosen Wahrheiten im Koran immer weiter durch die sich immer weiter entwickelnde Erkenntnis der Menschheit.   

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