Wie kann ich eine Person, die nur an Gott glaubt aber nicht der Religion, überzeugen?

Antwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

Wer bereits an einen einzigen Schöpfer glaubt, hat mit dem Islam schon einen wichtigen gemeinsamen Ausgangspunkt. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr: „Gibt es Gott?“, sondern: „Hat dieser Gott den Menschen sich selbst überlassen oder ihnen mitgeteilt, warum sie existieren und wie sie leben sollen?“

bevor man in konkrete theologische Argumente einsteigt, denken wir einmal logisch und schauen auf unser eigenes Leben: Gibt es irgendeinen Bereich in unserem Leben und in unserer Gesellschaft, der komplett frei von Moderation und Steuerung ist? Wie der große Gelehrte "Bediüzzaman" Said Nursi einst sagte: 

„Es gibt kein Dorf ohne einen Bürgermeister, keine Nadel ohne ihren Meister; sie kann nicht ohne einen Besitzer sein. Es gibt keinen Buchstaben ohne seinen Schreiber; das weißt du. Wie wäre es also möglich, dass dieses so wohlgeordnete Land ohne einen Herrscher wäre?“ (Risale-i Nur, 10. Wort)

Um in diesem Bild zu bleiben, ist es denn naheliegend, dass jener Bürgermeister in seiner Stadt, einfach die ganze Zeit völlig verborgen in seinem Büro sitzt, nie mit jemanden spricht, sich nirgends einmischt und nie seinen Willen kundtut? Ist es wirklich vorstellbar, dass ein Schreiber so intensiv an seinem Buch arbeitet, es dann fertigstellt und es dann einfach in sein Schrank packt, nie wieder darüber spricht und es niemals jemanden zeigt? hat man jemals in der Geschichte der Menschheit gesehen, dass ein Herrscher über ein Land, die Menschen dort dann einfach völlig sich selbst überlassen hat und sie einfach tun ließ, wie sie möchten?

Wir können auch die Frage beantworten, wenn wir den Aufbau unseres Bildungssystems in den Blick nehmen; in keiner Bildungseinrichtung gibt es ein Modell, demnach die Schüler einfach sich selbst überlassen werden. Es gibt immer eine Art Lehrplan, Curriculum, Lehrer, Lernziel und Prüfung. Warum gibt es hier nun keine Beschwerden über diesen Umstand und warum rebellieren Schüler nicht in dem sie sagen "wir brauchen das alles nicht, wir bringen uns einfach alles selbst bei und das muss reichen"?

Regeln und die Disziplinierung durch diese Regeln, die ein erwünschtes Verhalten erzeugen, sind fester BEstandteil unseres gesamten Lebens. Als Kind hören wir auf unsere Eltern. In der Schule hören wir auf unsere Lehrer. Auf der Straße hören wir auf die Polizei. 

Warum also sollte plötzlich der Herrscher über alles dann uns gegenüber eine völlig egalitäre und desinteressierte Haltung haben? Im Kern der Fragestellung drückt sich schließlich´der Wunsch des "nafs" (Triebseele, innere Triebhaftigkeit) aus, der nach konstantem Genuss, Unbändigkeit und Rebellion sucht. Es klingt daher verführerisch zu sagen, "ich glaube an Gott... nur nicht an die Institutionen" um einerseits sich gläubig darzustellen und sogesehen abzusichern, andererseits aber nichts aufgeben zu müssen an weltlichen Gelüsten. Nur leider ist dieser Plan völlig unlogisch und unplausibel, wie wir bisher aufgezeigt haben

Die Menschen brauchen Propheten und Bücher, die ihnen als wahre Wegweiser dienen. Auch wenn der Mensch bei seiner Erschaffung mit bestimmten Fähigkeiten wie Verstand, Bewusstsein, Erkenntnis und Entscheidungsfreiheit ausgestattet wurde und dank dieser Fähigkeiten gewisse Erkenntnisse über sich selbst, seine Umgebung und andere Geschöpfe gewonnen hat, so sind all diese doch begrenzt und entsprechen nur seinen eigenen Kräften. In Angelegenheiten, die die Auffassungsgabe des Menschen übersteigen, in Bereichen, in denen er nicht genug weiß, oder auch in Fällen, die zwar prinzipiell begreifbar wären, in denen er aber aufgrund negativer Einflüsse aus der äußeren Umgebung nicht zur Wahrheit gelangt, muss ihm die Hand gereicht und sein Weg erhellt werden. Der erhabene Allah, der diese Seite des von ihm geschaffenen Menschen am besten kennt, hat den Menschen als Ergebnis seiner Weisheit, Gnade und Hilfe Propheten gesandt.

Damit der Mensch für seine Handlungen zur Verantwortung gezogen werden kann und er dafür eine Belohnung oder Strafe erhalten kann, muss er darüber aufgeklärt werden, warum die Entsendung eines Propheten erforderlich ist. So wird von vornherein verhindert, dass die Menschen im Jenseits gegenüber Allah die Ausrede vorbringen: „Wir wussten es nicht, es wurde kein Prophet gesandt. Daher kann uns auch keiner belangen.“ Ebenso sollte sich der Mensch selbst ernsthaft fragen: „Was will dieser Schöpfer eigentlich von mir?”, denn es sollte ihm ebenso ein Anliegen sein, auf diese Fragen, auf das Leben nach dem Tod und die Aussicht auf Himmel und Hölle vorbereitet zu sein. Kann man sich einen Schüler vorstellen, der vor der wichtigsten Klausur seines Lebens steht, aber nicht lernt, sich nicht vorbereitet und einfach sagt: „Das wird schon irgendwie.“?

Wie man das Thema auch dreht und wendet: Wie in allen Angelegenheiten des Diesseits gilt auch für Fragen der Religion, dass wir zwischen Herr und Diener immer ein klar kommuniziertes Verhältnis haben, das von Regeln und deren Bewahrern geprägt ist. In der Religion sind das in erster Linie die Propheten und die Schriften Gottes. Diese erschließen wir uns unter anderem auch durch den jahrtausendalten theologischen Diskurs im Islam, aus dem eine unendliche Menge an Gelehrsamkeit und Wissen entstanden ist.  

Fragen an den islam

Verfasser:
Fragen an den islam
Aufrufe 2
In order to make a comment, please login or register
ÄHNLICHE FRAGEN