Wer sind Wahhabiten? Was ist Wahhabismus?

Antwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

der Begriff „Wahhabiten“ bezeichnet eine religiöse Reformbewegung innerhalb des sunnitischen Islams. Er geht zurück auf den islamischen Gelehrten Muhammad ibn ʿAbd al-Wahhab (1703–1792), der im Gebiet des heutigen Saudi-Arabiens lebte. Der Name wurde ursprünglich von außen vergeben; die Anhänger selbst bezeichnen sich meist nicht als „Wahhabiten“, sondern als Salafiten oder als Vertreter eines „reinen“ Islams.

Ibn ʿAbd al-Wahhab war der Meinung, dass sich der Islam im Laufe der Jahrhunderte von seinen ursprünglichen Lehren entfernt habe. Er wollte daher zu dem zurückkehren, was er als den ursprünglichen Islam der ersten Generationen (der sogenannten Salaf, „fromme Altvordere“) verstand. Seine Lehre verbreitete sich besonders stark, nachdem er ein politisches Bündnis mit der Familie Saud schloss. Dieses Bündnis bildet bis heute eine wichtige Grundlage des saudi-arabischen Staates.

Theologisch steht bei den Wahhabiten ein sehr spezifischer Monotheismus (Tauhid) im Mittelpunkt. Gott (Allah) darf nach dieser Auffassung in keiner Weise mit Menschen, Dingen oder Vorstellungen verbunden werden. Alles, was als mögliche „Beigesellung“ zu Gott gilt, wird entschieden abgelehnt. Hier geht die wahhabitische Lehre allerdings sehr weit, indem sie auch anerkannte und weit verbreitete Praktiken dazu zählt.

Typisch ist daher die Ablehnung bestimmter religiöser Praktiken, die in vielen anderen muslimischen Traditionen verbreitet sind, zum Beispiel:

  • die Verehrung von Heiligen,

  • das Bitten Verstorbener um Fürsprache,

  • Pilgerfahrten zu Gräbern religiöser Persönlichkeiten.

Solche Praktiken werden von Wahhabiten oft als religiöse Neuerungen (Bidʿa) oder sogar als Götzendienst (Schirk) bewertet. Stattdessen betonen sie eine wörtliche Auslegung von Koran und Sunna und lehnen spätere theologische Entwicklungen weitgehend ab. Damit negieren sie also, die reiche Diskurstradition, die sowohl für viele Muslime als auch aus islamwissenschaftlicher Perspektive eine gewichtige Rolle darin spielt, den Islam vollumfänglich zu erfassen und zu begreifen.

Rechtlich orientiert sich die Bewegung überwiegend an der hanbalitischen Rechtsschule, der traditionell strengsten der vier sunnitischen Schulen.

Die wahhabitische Lehre ist eine von vielen Strömungen und erfreut sich generell auch keiner Mehrheit. Dennoch gilt es, diese Glaubensgeschwister und ihre Glaubenspraxis zu respektieren, auch wenn man viele der Ansichten selber nicht teilen würde.

Eine andere Frage ist die Frage danach, was mit dem Begriff „Wahhabismus“ eigentlich gemeint ist. Das Suffix -ismus wird heute häufig verwendet, um politische Ideologien zu bezeichnen. In der heutigen öffentlichen Debatte wird der Begriff allerdings oft politisch aufgeladen und unscharf gebraucht. Ähnliches gilt für Begriffe wie Salafismus oder Islamismus, die häufig herangezogen werden, um eine Form von politischem Extremismus zu beschreiben, der augenscheinlich religiös motiviert sein soll.

Diese Begriffe sind problematisch, weil sie einen direkten Zusammenhang zwischen Religion und politischem Extremismus nahelegen. Dabei ist festzuhalten, dass grundsätzlich jede Idee oder Weltanschauung von Menschen für politische Zwecke missbraucht werden kann. Es erscheint daher wenig sinnvoll, pauschal religiöse Lehren oder Begriffe zu problematisieren oder gar verbieten zu wollen. Zielführender ist vielmehr die Frage, welche sozialen, politischen oder persönlichen Faktoren Menschen dazu bringen, extremistische Weltbilder zu entwickeln.

Im Falle des Islams kommt hinzu, dass nur ein extrem kleiner Teil der in Deutschland lebenden Muslime – deutlich unter einem Prozent – von staatlichen Stellen überhaupt diesem extremistischen Spektrum zugerechnet wird. Bei einer Gesamtzahl von rund fünf Millionen Musliminnen und Muslimen in Deutschland zeigt dies klar, dass es keinen sinnvollen Grund gibt, den Islam als solchen als politisch extrem einzuordnen. Wäre eine solche Auslegung religiös tragfähig oder theologisch überzeugend, müsste sie sich wesentlich breiter in der muslimischen Bevölkerung niederschlagen.

Gerade die Tatsache, dass diese Deutungen für die überwältigende Mehrheit der Muslime weder glaubwürdig noch religiös anschlussfähig sind, spricht dafür, dass es sich hierbei um theologisch hochgradig verkürzte, einseitige und problematische Auslegungen handelt. Aus theologischer Perspektive können sie daher nicht als gehaltvolle oder maßgebliche Interpretation des Islams gelten, sondern stellen Randphänomene dar, die dem Reichtum islamischer Glaubenstraditionen nicht gerecht werden.

In diesem Sinne werden die Begriffe Wahhabismus, Salafismus oder Islamismus hier verwendet, um Gruppen oder Individuen zu beschreiben, die ein politisch extremes Weltbild – teilweise auch unter Anwendung von Gewalt – verfolgen und dieses nachträglich religiös zu legitimieren versuchen. Die Bezugnahme auf den Islam dient dabei weniger einer ernsthaften theologischen Auseinandersetzung als vielmehr der ideologischen Rechtfertigung politischer Ziele.

Fragen an den islam

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