Kann man eine Gesellschaft auf Basis von Naturkatastrophen und Ähnliches bewerten? Sind sie eine Bestrafung?
Liebe Leserin, lieber Leser,
in dieser Frage muss man zwei Aspekte voneinander unterscheiden:
Erstens den allgemeinen Grundsatz, der sich aus dem Koran und der Sunna ergibt; zweitens die Beurteilung eines bestimmten Vorfalls.
Nach dem im Koran dargelegten allgemeinen Grundsatz gehören Unterdrückung, Hochmut, Ungerechtigkeit und Unruhe zu den Ursachen für den Untergang von Gesellschaften. Tatsächlich wird auch in der Sure Al-Isra berichtet, wie eine Gesellschaft großen Unfrieden auf der Erde stiften und infolgedessen mit schwerwiegenden Folgen konfrontiert werden. Aus dieser Perspektive betrachtet ist es richtig zu sagen: „Hochmut und Ungerechtigkeit führen früher oder später zu schlimmen Folgen.“ Dies ist sogar eines der unveränderlichen Gesetze Allahs (sunnatullah) in Bezug auf Gesellschaften.
Aus diesem Grund ist es jedoch nicht richtig, über einen bestimmten Krieg, eine Katastrophe oder ein Unglück zu sagen: „Das ist zweifellos die Strafe, die Allah ihnen für ihre Sünden auferlegt hat.“ Denn ohne Offenbarung können wir die wahre Natur eines Ereignisses vor Allah nicht erkennen. Dasselbe Ereignis kann für die einen eine Strafe, für andere eine Prüfung, für wieder andere eine Warnung und für manche wiederum ein Anlass zur Erhöhung ihres Ranges sein.
eine Hadith soll hier erwähnt werden:
„Wer einem Muslim Schaden zufügt, dem fügt auch Allah Schaden zu, und wer einem Muslim Not und Bedrängnis bereitet, dem bereitet auch Allah Not und Bedrängnis“ (Ebu Davud, Akdıye, 31)
Auch dieser Hadith drückt einen allgemeinen Grundsatz aus, wonach Ungerechtigkeit und Unrecht nicht ungestraft bleiben. Ausgehend von diesem Grundsatz ist es jedoch nicht möglich, die Ursache jedes Unglücks eindeutig zu bestimmen.
Wer der Rechtleitung folgt, der ist nur zu seinem eigenen Vorteil rechtgeleitet. Und wer irregeht, der geht nur zu seinem Nachteil irre. Und keine lasttragende (Seele) nimmt die Last einer anderen auf sich. Wir strafen nicht eher, bis Wir einen Gesandten geschickt haben. (17/15)
Aus diesem Grund kann ein Mensch nicht allein aufgrund der Verbrechen, die sein Vater, sein Großvater oder sein Volk in der Vergangenheit begangen haben, zur Verantwortung gezogen werden. Wer jedoch die Gräueltaten seiner Vorfahren verinnerlicht, sie verteidigt, denselben Weg weitergeht und sich diesen Ungerechtigkeiten anschließt, macht sich durch seine eigene Entscheidung zum Mittäter dieser Verbrechen. Daher können Generationen, die sich die Verbrechen ihrer Vorfahren zu eigen machen, auch an den Folgen dieser Verfehlungen teilhaben.
Unterdrückung, Hochmut und Ungerechtigkeit gehören zu den Ursachen, die Gesellschaften in den Untergang treiben. Wenn eine Gesellschaft in der Vergangenheit oder heute solche Taten begeht, muss sie möglicherweise mit den schlimmen Folgen rechnen. Wir können jedoch nicht mit Sicherheit sagen, ob ein bestimmtes Ereignis eine göttliche Strafe oder eine Prüfung ist. Außerdem dürfen wir die Unschuldigen, die Unterdrückten und diejenigen, die sich gegen die Unterdrückung auflehnen, nicht über einen Kamm scheren.
Das Gleichgewicht sieht also wie folgt aus: Als allgemeinen Grundsatz erkennen wir an, dass Ungerechtigkeit schlimme Folgen nach sich zieht; doch über bestimmte Unglücksfälle fällen wir im Namen Allahs kein endgültiges Urteil und können dies auch nicht tun. Die Menschen werden nicht nach den Verfehlungen ihrer Vorfahren beurteilt, sondern nach ihrer eigenen Haltung und ihren Entscheidungen gegenüber diesen Verfehlungen.
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